Nadine allein mit Lukas neben dem Altar im Dom

So titelt die Frankfurter Rundschau im Lokalteil am 7. Juni 2003. Den Artikel können Sie hier nachlesen oder sich in der Onlineausgabe der FR unter der Adresse http://www.fr-aktuell.de/ressorts/frankfurt_und_hessen/frankfurt/?loc=&cnt=230524 ansehen.

Von Martin Müller-Bialon

Vier Wochen lang hat Nadine geübt, geübt und noch mal geübt. Am Ende konnte sie ihren Text fast auswendig aufsagen. Was sollte da noch schief gehen? Es ist auch nichts schief gegangen: Die 13 Verse (Lukas 6, 37-49) aus dem Neuen Testament trug die Fünftklässlerin der Weidenbornschule im Dom ohne nennenswerte Versprecher vor. "Vom Richten" ist der Abschnitt überschrieben. Unter anderem hat Nadine mahnende Worte von Jesus an seine Jünger vorgetragen: "Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem eigenen Auge bemerkst du nicht?" Und sie hat an dem Pult gestanden, wo sonst der Stadtdekan und ab und zu der Bischof stehen.

Nadine Kmitta ist eines von 500 Schulkindern, die am "Bibelmarathon" teilnehmen. Seit Donnerstag, 9 Uhr, lesen die Schüler das Neue Testament in der Einheitsübersetzung am Stück vor. Bis heute Mittag, 12 Uhr, soll das Buch ausgelesen sein. Dann sind alle Vorleser zu einem Abschlussfest im Dom eingeladen. Schon seit vergangenem Herbst hatten sich die Fünftklässler der Bornheimer Weidenbornschule im katholischen Religionsunterricht mit dem Lukas-Evangelium beschäftigt. Seitdem stand fest, dass die Schule als eine von 21 in Frankfurt am Bibelmarathon teilnimmt. Insgesamt 29 Schulklassen und drei Jugendgruppen machen bei dem 27-stündigen Vorlese-Marathon mit. Nadines Religionslehrerin Veronika Brier hat die ersten sechs Lukas-Kapitel, den die fünfte Klasse vorzutragen hatte, in den Unterricht eingebaut. "Die ersten beiden Kapitel, die Weihnachtsgeschichte, haben wir im Dezember bearbeitet", erzählt sie.

Vor vier Wochen erhielt dann jedes Kind seinen Text. Um sich an den Hall in der großen Kirche zu gewöhnen, probten die Weidenbornschüler sogar einmal in der katholischen Kirche St. Josef in Bornheim. Im Dom, ganz allein am Pult neben dem Altar und vor sich die Gemeinde - wie das ist, hat Nadine Kmitta aber vorher nicht gewusst. Ob sie aufgeregt war? "Und wie", sagt sie. Obwohl statt der Domgemeinde nur einige Eltern in den Kirchenbänken sitzen.

Andere haben weniger Bammel. Für Radio-Stimme Johannes Scherer von FFH zum Beispiel, der nach den Weidenbornschülern vorliest, ist der Auftritt reine Routine. Auch Stadtkämmerer Horst Hemzal (CDU) gehört zu den "Prominenten", die das religionspädagogische Amt der katholischen Kirche, Veranstalter des "Bibelmarathons", stündlich zur Abwechslung präsentiert. Ex-FAZ-Mann Hugo Müller-Vogg darf lesen, ebenso wie Helmut Altemöller von Mercedes Benz oder einige Schauspieler vom Frankfurter Volkstheater. Die Bibel-Aktion ist der Beitrag der katholischen Kirche zum Jahr der Bibel.

Und obwohl die evangelische Kirche offiziell nicht mit im Boot ist, wird beim Vorlesen im Dom auch ein wenig Ökumene gelebt: Einige der vortragenden Schüler sind Protestanten.